Fassung 0.1 vom 18. Oktober 2026. Spätere Fassungen kommen mit eigenem Datum dazu, diese bleibt lesbar.
Epistemische Schnittstelle: eine Arbeitsdefinition
Für die Art, wie ich mit Sprachmodellen an Wissen arbeite, lege ich einen Begriff fest und datiere die erste Fassung. Was eine epistemische Schnittstelle sein soll, was sie nicht ist und welche Fragen noch offen sind.
Ein Werkstattbericht von Dominic Meiser · DoMe Dynamics
Für die Art, wie ich mit Sprachmodellen an Wissen arbeite, hat mir bisher ein passendes Wort gefehlt. Ab jetzt verwende ich dafür den Begriff epistemische Schnittstelle. „Epistemisch“ heißt hier, dass es um Wissen geht und darum, wie gut es begründet ist. Damit nachvollziehbar bleibt, was ich damit meine, lege ich die Definition hier fest, mit Datum und Fassungsnummer. Ändere ich sie, kommt eine neue Fassung mit eigenem Datum dazu, und diese bleibt lesbar.
Die Definition, Fassung 0.1
Eine epistemische Schnittstelle ist die Stelle, an der Wissen zwischen Mensch und KI übergeben wird, und zwar so, dass Herkunft, Gewissheit und Widerspruch mitreisen.
Einfacher gesagt: Wissen geht nicht als bloße Antwort über den Tisch, sondern mit einem Beipackzettel. Darauf steht, woher es stammt, wie sicher es ist und was ihm widerspricht.
Was ich damit meine
Das Wort Schnittstelle habe ich mit Absicht gewählt. In der Technik hat eine Schnittstelle einen Vertrag: Was durch sie hindurchgeht, hat eine feste Form und trägt bestimmte Angaben mit sich. Übertragen auf Wissen sind das drei Angaben.
- Herkunft: Eine Aussage lässt sich auf ihre Quelle zurückführen.
- Gewissheit: Sichtbar bleibt, ob etwas belegt ist, nur teilweise geprüft oder eine eigene Vermutung.
- Widerspruch: Gegenpositionen und Unstimmigkeiten werden festgehalten, statt sie zu glätten.
Wichtig ist mir dabei das Dauerhafte. Die Angaben sollen nicht nur eine einzelne Antwort begleiten. Sie sollen im gemeinsam gepflegten Wissensbestand erhalten bleiben, auch wenn er über Wochen wächst und überarbeitet wird.
Was nicht darunter fällt
Ein Chat allein ist noch keine epistemische Schnittstelle, denn er sorgt nicht dafür, dass Herkunft und Gewissheit einer Antwort dauerhaft erhalten bleiben. Ebenso wenig reicht ein Speicher, der vor allem dafür sorgt, dass die KI möglichst viel Kontext bekommt. Mehr Kontext allein macht Wissen für mich noch nicht leichter prüfbar.
Woher der Begriff kommt
Mein eigenes Wiki führe ich seit April 2026 nach einem Muster, das Andrej Karpathy im selben Monat als LLM Wiki beschrieben hat: Aus unveränderlichen Rohquellen pflegt ein Sprachmodell ein verlinktes Wiki, und ich kuratiere die Quellen und deute die Ergebnisse. Dazu gelten bei mir feste Regeln. Aussagen sollen auf eine Quellennotiz zurückführen, eigene Vermutungen sind als solche markiert, und Widersprüche bleiben stehen. Den Ausdruck „epistemische Interfaces“ hat im Mai 2026 Codex vorgeschlagen, ein zweites Sprachmodell, als es meine Überlegungen gegenprüfte. Hier verwende ich dafür das deutsche Wort Schnittstelle. Ob der Begriff trägt, habe ich im Oktober mit einer eigenen Recherche geprüft.
Neu ist die Richtung nicht. In der Forschung gibt es verwandte Ansätze, etwa Hinweise auf Unsicherheit, das Sichtbarmachen von Konflikten und nachprüfbare Begründungsspuren (Rosenbacke et al., 2026). Den englischen Ausdruck „Epistemic Interfaces“ habe ich im Titel eines Fachartikels von 2024 gefunden, dort aber ohne Definition im Abstract. Eine deutsche Fundstelle für „epistemische Schnittstelle“ habe ich bisher nicht gefunden. Meine Suche war allerdings eine Stichprobe und kein vollständiger Nachweis.
Was noch offen ist
- Ob der Begriff gegenüber diesen Ansätzen genug Eigenes trägt, muss sich erst zeigen.
- Offen ist auch, ob er nur zwischen Mensch und KI gilt oder ebenso zwischen Agenten, die einander Wissen übergeben.
- Und mir fehlt noch ein Maß dafür, ob eine solche Schnittstelle das eigene Urteil tatsächlich stärkt.
An der nächsten Fassung arbeite ich in den kommenden Wochen.
Fassungen
- 0.1 vom 18. Oktober 2026: erste Arbeitsdefinition.